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E.5 Bilinearformen und Sesquilinearformen

E.5.1 Bilinearformen und Sesquilinearformen über allgemeinen Körpern

Sei K ein Körper und V ein K-Vektorraum.

Definition E.67

Eine Bilinearform auf V ist eine bilineare Abbildung β:V×VV, d.h. eine Abbildung so dass für alle v0V die Abbildungen

VV, vβ(v,v0),undVV, vβ(v0,v),

lineare Abbildungen sind.

Sei nun σ:KK ein Ringautomorphismus. (Wir sprechen auch von einem Körperautomorphismus.) Es gelte außerdem σ=σ1, äquivalent ausgedrückt: σσ=idK. Für uns sind vor allem die beiden folgenden Fälle von Bedeutung:

  • K beliebig, σ=idK.

  • K=C, σ die komplexe Konjugation, d.h. σ(a+bi)=abi (a,bR). Man schreibt in diesem Fall oft ¯z statt σ(z).

Definition E.68

Eine Sesquilinearform auf V ist eine Abbildung β:V×VV, so dass für alle v0V gilt

  1. Die Abbildung

    VV, vβ(v0,v),

    ist linear. (Wir sagen, β sei linear im zweiten Eintrag.)

  2. VV, vβ(v,v0),

    ist σ-linear, d.h. es gilt

    β(v+v,v0)=β(v,v0)+β(v,v0),β(av,v0)=σ(a)β(v,v0)

    für alle vV, aK. (Wir sagen, β sei σ-linear (oder: semilinear) im zweiten Eintrag.)

Im Fall σ=idK ist also eine Sesquilinearform nichts anderes als eine Bilinearform. Daher können wir die beiden Fälle im folgenden zusammen abhandeln. Wir fixieren den Körper K zusammen mit dem Körperautomorphismus σ.

Definition E.69
  1. Eine Sesquilinearform β:V×VK heißt hermitesch, wenn β(v,w)=σ(β(w,v)) für alle v,wV gilt.

    Ist σ=id, so nennt man β auch eine symmetrische Bilinearform.

  2. Eine Sesquilinearform β:V×VK heißt nicht-ausgeartet, wenn für alle v0,w0V die folgenden beiden Bedingungen erfüllt sind:

    1. falls β(v0,w)=0 für alle wV, so gilt v0=0,

    2. falls β(v,w0)=0 für alle vV, so gilt w0=0.

Beispiel E.70

Das wichtigste Beispiel einer Sesquilinearform ist für uns das Standardskalarprodukt

Cn×CnC,(x,y)xy=ni=1¯xiyi.

Dieses ist hermitesch und nicht-ausgeartet (und positiv definit, siehe Definition E.80). Durch Einschränkung auf Rn×Rn erhält man das Standardskalarprodukt auf Rn, eine nicht-ausgeartete symmetrische Bilinearform auf dem R-Vektorraum Rn.

Eine nichtausgeartete Bilinearform β induziert einen Isomorphismus VV, v(wβ(v,w)), zwischen V und seinem Dualraum.

Proposition E.71

Sei β eine Sesquilinearform auf dem endlichdimensionalen Vektorraum V und sei B=(b1,,bn) eine Basis von V. Dann heißt

MB(β):=(β(bi,bj))i,jMn(K)

die Strukturmatrix der Sesquilinearform β.

Sei β eine Sesquilinearform auf dem endlichdimensionalen Vektorraum V und B eine Basis von V. Dann ist β nicht-ausgeartet genau dann, wenn MB(β) invertierbar ist.

Für AMm×n(K) bezeichnen wir mit Aσ die Matrix, die aus A hervorgeht, indem auf jeden Eintrag die Abbildung σ angewendet wird, und mit A die Matrix (At)σ=(Aσ). Ist K=C und σ die komplexe Konjugation, so schreibt man auch ¯A statt Aσ. Wir benutzen diese Schreibweise insbesondere für quadratische Matrizen und für Spaltenvektoren. Damit gilt in der Situation der Definition:

β(v,w)=cB(w)MB(β)cB(w)für alle v,wV.

Satz E.72

Sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit einer Basis B. Die Abbildung, die einer Sesquilinearform β ihre Strukturmatrix MB(β) zuordnet, ist eine Bijektion von der Menge aller Sesquilinearform auf den Raum Mn(K).

Ist C eine weitere Basis von V, so gilt MC(β)=(MCB)MB(β)MCB.

Definition E.73

Sei (V,β) ein Vektorraum mit einer nicht-ausgearteten hermiteschen Sesquilinearform. Sei UV ein Untervektorraum. Dann heißt

U:={vV; für alle uU gilt: β(u,v)=0}

das orthogonale Komplement von U in V.

Satz E.74

Sei (V,β) ein endlichdimensionaler Vektorraum mit einer nicht-ausgearteten hermiteschen Sesquilinearform, und UV ein Untervektorraum. Dann gilt V=UU, also insbesondere dimU=dimVdimU. Ferner ist (U)=U.

E.5.2 Die adjungierte Abbildung

Satz E.75

Sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit einer nicht-ausgearteten hermiteschen Sesquilinearform β. Sei fEndK(V). Dann existiert ein eindeutig bestimmter Endomorphismus g von V, so dass für alle v,wV gilt:

β(f(v),w)=β(v,g(w)).

In dieser Situation heißt g die zu f adjungierte Abbildung; wir bezeichnen die adjungierte Abbildung zu f mit f.

Im Fall σ=id entspricht die zu f adjungierte Abbildung f unter dem durch β induzierten Isomorphismus VV der dualen Abbildung von f. Siehe Ergänzung 19.37 für eine Verallgemeinerung auf den Fall von Sesquilinearformen.

Satz E.76

Sei V ein endlichdimensionaler Vektorraum mit einer nicht-ausgearteten hermiteschen Sesquilinearform β.

  1. Die Abbildung EndK(V)EndK(V), ff ist semilinear (d.h. sie ist ein Homomorphismus abelscher Gruppen (bzgl. +) und es gilt (αf)=σ(α)f für alle fEndK(V), αK).

  2. Es gilt id=id, (f)=f, (fg)=gf.

  3. Es gilt

    Ker(f)=(Imf),Im(f)=(Kerf),

    und rgf=rgf.

Definition E.77

Sei V ein endlichdimensionaler Vektorraum mit einer nicht-ausgearteten hermiteschen Sesquilinearform β. Ein Endomorphismus f von V heißt selbstadjungiert, falls f=f gilt.

E.5.3 Isometrien, orthogonale und unitäre Gruppen

Sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit einer nicht-ausgearteten hermiteschen Sesquilinearform β.

Definition E.78

Ein Endomorphismus f:VV heißt eine Isometrie (bezüglich β), wenn

β(f(v),f(w))=β(v,w)für alle v,wV

gilt.

Weil β nicht-ausgeartet ist, kann für eine Isometrie f(v)=0 nur dann gelten, wenn v=0 ist, eine Isometrie ist also notwendigerweise ein Isomorphismus. Ein Endomorphismus f ist daher genau dann eine Isometrie, wenn f invertierbar und f=f1 gilt.

Die Menge der Isometrien bildet eine Untergruppe der Gruppe AutK(V) aller Automorphismen von V. Wir bezeichnen sie mit AutK(V,β).

Definition E.79
  1. Ist σ=id, also β eine nicht-ausgeartete symmetrische Bilinearform, so nennt man AutK(V,β) auch die orthogonale Gruppe zu V und β und schreibt O(V,β) (oder einfach O(V), wenn klar ist, welches β gemeint ist) für diese Gruppe.

  2. Ist σid und β eine nicht-ausgeartete hermitesche Sesquilinearform, so nennt man AutK(V,β) auch die unitäre Gruppe zu V und β und schreibt U(V,β) (oder einfach U(V), wenn klar ist, welches β gemeint ist) für diese Gruppe.

E.5.4 Euklidische und unitäre Vektorräume

Wir schränken uns nun auf die folgenden beiden Fälle ein

  • K=R, σ=id,

  • K=C, σ die komplexe Konjugation. Wir schreiben nun üblicherweise ¯z statt σ(z). Diese Schreibweise können wir auch für zR anwenden; dann gilt ¯z=z.

Dann gilt z¯zR0 für alle zK, und wir können den Absolutbetrag von z definieren als |z|:=z¯z. Der Positivitätsbegriff, den wir hier zur Verfügung haben, ist der entscheidende Unterschied zum allgemeinen Fall, und ermöglicht es zum Beispiel, einen sinnvollen Abstands- und Winkelbegriff einzuführen.

Um in der Notation sichtbar zu machen, dass wir nur diese beiden Fälle erlauben, bezeichnen wir den Grundkörper mit K.

Definition E.80

Sei V ein K-Vektorraum. Eine hermitesche Sesquilinearform β auf V heißt positiv definit, wenn

β(v,v)>0für alle vV{0}

gilt.

Entsprechend definiert man die Begriffe positiv semidefinit, negativ definit, negativ semidefinit, siehe Definition 19.49.

Definition E.81
  1. Sei K=R. Ein Skalarprodukt auf einem endlichdimensionalen R-Vektorraum ist eine positiv definite symmetrische Bilinearform V×VR. Ein endlichdimensionaler R-Vektorraum zusammen mit einem Skalarprodukt heißt euklidischer Vektorraum.

  2. Sei K=C. Ein Skalarprodukt auf einem endlichdimensionalen C-Vektorraum ist eine positiv definite hermitesche Sesquilinearform V×VC. Ein endlichdimensionaler C-Vektorraum zusammen mit einem Skalarprodukt heißt unitärer Vektorraum.

Satz E.82 Cauchy-Schwarzsche Ungleichung

Sei β eine positiv semidefinite hermitesche Sesquilinearform auf dem K-Vektorraum V. Dann gilt für alle v,wV:

|β(v,w)|2β(v,v)β(w,w).

Ist die gegebene Form sogar positiv definit, so gilt in der Ungleichung genau dann =, wenn v und w linear abhängig sind.

Korollar E.83

Sei β eine positiv semidefinite hermitesche Sesquilinearform auf V. Die Form β ist genau dann nicht-ausgeartet, wenn sie positiv definit ist.

Definition E.84

Sei V ein euklidischer/unitärer Vektorraum mit Skalarprodukt (,). Dann definieren wir die Länge eines Vektors vV als v:=(v,v).

Mit dem Längenbegriff für Vektoren kann man auch den Abstand von Elementen v,wV als wv definieren. Für das Standardskalarprodukt erhält man so den »gewohnten« euklidischen Abstand auf Rn bzw. Cn.

Korollar E.85 Dreiecksungleichung

Sei V ein euklidischer/unitärer Vektorraum mit Skalarprodukt (,). Für alle v,wV gilt

v+wv+w.

Definition E.86
  1. Sei V ein euklidischer/unitärer Vektorraum mit Skalarprodukt (,). Wir nennen Vektoren v,wV orthogonal zueinander, wenn (v,w)=0 gilt.

  2. Sei V ein euklidischer Vektorraum mit Skalarprodukt (,). Der Winkel zwischen zwei Vektoren v,wV ist die eindeutig bestimmte reelle Zahl ϑ[0,π], für die gilt

    cosϑ=(v,w)vw.

E.5.5 Existenz von Orthonormalbasen

Definition E.87

Sei (V,(,)) ein euklidischer/unitärer Vektorraum. Eine Familie v1,,vnV heißt Orthogonalsystem, falls vi0 für alle i und für alle ij gilt: (vi,vj)=0. Gilt zusätzlich |vi|=1 für alle i, so bezeichnet man die Familie auch als \emphOrthonormalsystem.

Sofern die vi eine Basis von V bilden, spricht man auch von einer Orthogonalbasis bzw. Orthonormalbasis.

Beispiel E.88

Wenn wir den Vektorraum Kn mit dem Standardskalarprodukt versehen, dann bildet die Standardbasis eine Orthonormalbasis.

Lemma E.89

Sei (V,(,)) ein euklidischer/unitärer Vektorraum und sei v1,,vnV ein Orthogonalsystem. Dann sind v1,,vn linear unabhängig.

Satz E.90 Gram-Schmidtsches Orthonormalisierungsverfahren

Sei (V,(,)) ein euklidischer/unitärer Vektorraum und sei B=(b1,,bn) eine Basis von V. Dann existiert eine Orthonormalbasis v1,,vn von V, für die außerdem gilt:

  1. Vi:=v1,,vi=b1,,bi für alle i,

  2. für alle i gilt mit Bi=(b1,,bi), Ci=(v1,,vi): detMBiCi(idVi)R>0.

Durch diese Bedingungen sind v1,,vn eindeutig bestimmt, und zwar gilt

vi=vivi mit vi=bii1k=1(bi,vk)vk.

Satz E.91

Sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum mit Basis b1,,bn und β eine symmetrische Bilinearform / Hermitesche Form auf V. Dann gilt: β ist genau dann positiv definit, wenn für alle r=1,,n gilt:

det(β(bi,bj))i=1,,r, j=1,,r>0.

E.5.6 Der Spektralsatz für normale Endomorphismen

Satz E.92

Sei V ein euklidischer/unitärer K-Vektorraum mit Skalarprodukt (,), und fEndK(V). Ist B eine Orthonormalbasis von V, so gilt MBB(f)=MBB(f).

Satz E.93

Sei V ein euklidischer/unitärer Vektorraum, B eine Orthonormalbasis von V. Dann gilt:

  1. Ein Endomorphismus f von V ist genau dann selbstadjungiert, wenn MBB(f) hermitesch ist, d.h. wenn MBB(f)=MBB(f) gilt.

  2. Ein Automorphismus f von V ist genau dann eine Isometrie, wenn MBB(f) unitär (bzw. orthogonal) ist, d.h. wenn MBB(f)=MBB(f)1 gilt.

Definition E.94
  1. Sei V ein euklidischer/unitärer K-Vektorraum mit Skalarprodukt (,), und fEndK(V). Der Endomorphismus f heißt normal, wenn ff=ff gilt.

  2. Eine Matrix AMn(K) heißt normal, wenn AA=AA gilt.

Wichtige Beispiele für normale Endomorphismen sind selbstadjungierte Endomorphismen (also solche mit f=f) und Isometrien (also Isomorphismen mit f1=f).

Theorem E.95 Spektralsatz für normale Endomorphismen

Sei V ein euklidischer/unitärer K-Vektorraum mit Skalarprodukt (,), und fEndK(V) ein Endomorphismus, dessen charakteristisches Polynom vollständig in Linearfaktoren zerfällt. Dann sind äquivalent:

  1. f ist normal.

  2. Es existiert eine Orthonormalbasis von V, die aus Eigenvektoren von f besteht.

E.5.7 Die Hauptachsentransformation

Theorem E.96 Spektralsatz für selbstadjungierte Abbildungen

Sei V ein euklidischer/unitärer Vektorraum und fEndK(V) selbstadjungiert. Dann existiert eine Orthonormalbasis von V, die aus Eigenvektoren von f besteht, und alle Eigenwerte von f sind reell.

Korollar E.97

Sei AMn(K) eine hermitesche Matrix. Dann existiert eine unitäre Matrix SGLn(K), so dass S1AS eine Diagonalmatrix mit reellen Einträgen ist.

Korollar E.98 Hauptachsentransformation

Sei V ein euklidischer/unitärer Vektorraum mit Skalarprodukt (,). Sei β eine hermitesche Sesquilinearform auf V. Dann existiert eine Orthonormalbasis B von V, so dass MB(β) eine Diagonalmatrix mit reellen Einträgen ist.

Korollar E.99

Sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum und β eine hermitesche Sesquilinearform. Dann sind äquivalent:

  1. Die Form β ist positiv definit.

  2. Es existiert eine Basis B von V, so dass MB(β) nur positive reelle Eigenwerte hat.

Theorem E.100 Sylvesterscher Trägheitssatz

Sei V ein endlichdimensionaler K-Vektorraum, n=dimV und β eine hermitesche Sesquilinearform auf V. Sei B eine Basis von V, und seien k+, k bzw. k0 die Anzahlen der Eigenwerte von MB(β), die positiv, negativ bzw. =0 sind, jeweils gezählt mit der Vielfachheit der entsprechenden Nullstelle des charakteristischen Polynoms.

Dann ist k++k+k0=n, und die Zahlen k+, k und k0 sind unabhängig von der Wahl der Basis B.

Es existiert eine Basis C von V, so dass

MC(β)=diag(1,,1,1,,1,0,,0)

(mit k+ Einträgen =1, k Einträgen =1 und k0 Einträgen =0) ist.

E.5.8 Polarzerlegung und Singulärwertzerlegung

Besonders in praktischen Anwendungen ist die folgende Darstellung einer reellen oder komplexen Matrix als Produkt von großer Bedeutung.

Satz E.101 Singulärwertzerlegung

Sei AMm×n(K). Dann existieren unitäre Matrizen VMm(K) und WMn(K) und eine Matrix Σ=diag(σ1,,σr,0,,0)Mm×n(R), σ1σr>0, rm,n (wenn mn ist, ist Σ keine Diagonalmatrix!), so dass

M=VΣW

ist.

Dabei ist die Matrix Σ eindeutig durch M bestimmt.

Analog zu der Darstellung komplexer Zahlen durch Polarkoordinaten haben wir die Polarzerlegung für Matrizen.

Satz E.102 Polarzerlegung

  1. Sei AMn(K). Dann existieren eine unitäre Matrix UMn(K) und eine eindeutig bestimmte positiv semidefinite hermitesche Matrix PMn(K) mit A=UP.

  2. Ist A invertierbar, so ist auch U eindeutig bestimmt, und P ist sogar positiv definit.

Ist A=UP die Polarzerlegung, so gilt AA=PUUP=P2, weil U unitär und P=P hermitesch ist. Ist umgekehrt A invertierbar und P eine positiv definite hermitesche Matrix mit P2=AA, so ist AP1 unitär und A=(AP1)P die Polarzerlegung von A.